Fall № 145 · Apokryphe Rezension · 9 min · Apokrypha
Friedrich Holm: Der Flickenbeischlag
Friedrich Holms zweiter Roman erzählt von einer Würzburger Witwe, die ihre Garderobe an der Singer-Maschine kopiert und die Originale verbrennt. Die Redaktion liest den Roman als sorgfältig disziplinierte Trauerarbeit — und vermerkt, wo er sich selbst übersteigt.
Friedrich Holm, Der Flickenbeischlag. Roman. Marschall & Söhne, Köln 2018. 312 Seiten, gebunden, mit einem Umschlag von Anke Westermann. ISBN 978-3-944127-58-3. € 24,80.
I. Anlage
Doris Kreschel, fünfundsechzig Jahre alt, verwitwet seit dem 3. April 2014, lebt im zweiten Stock eines Würzburger Mietshauses in der Schweinfurter Straße. Ihr Mann, ein Studienrat für Latein und Geschichte, ist nach kurzer Krankheit gestorben; an der Beerdigung haben sich, wie das Buch in der dritten Seite trocken vermerkt, sechsundzwanzig Personen eingefunden, davon vier in unmittelbarer Trauer.
Nach den ersten Wochen, in denen Doris Kreschel sich nach Aussage ihrer Tochter „bemerkenswert unauffällig” verhält, beginnt sie an einer alten Singer-Nähmaschine, die ihr Vater 1958 aus Suhl mitgebracht hatte, einen Vorgang, den der Roman als Flickenbeischlag bezeichnet und der ihm seinen Titel gibt. Sie kauft Stoffballen — schwarzer und dunkelblauer Wollkrepp, drei Sorten Baumwolle, gelegentlich Leinen — und kopiert ihre eigene Garderobe, Stück für Stück, mit großer technischer Sorgfalt: Schnittmuster werden vom Original abgenommen, Nähte werden in der Stichlänge des jeweiligen Herstellers nachgearbeitet, Knöpfe, wo sie sich nicht nachkaufen lassen, aus Knopfsammlungen ihrer Schwiegermutter ergänzt. Wenn ein Kleidungsstück fertig kopiert ist, wird das Original in einem alten Wäschekorb auf den Hof getragen und in einem Metalleimer verbrannt.
Bis zum Ende des Romans hat Doris Kreschel auf diese Weise siebenundachtzig Kleidungsstücke und elf Wohnungstextilien — Vorhänge, drei Tischdecken, das Sofakissen ihres Mannes — verarbeitet. Sie trägt am letzten Tag des Buches eine Bluse, die der Bluse gleicht, die sie am ersten Tag trug, und die Tochter, die zu Besuch kommt, bemerkt den Unterschied nicht.
II. Zur Form
Holm, der mit Schienenbett (Marschall & Söhne 2014) ein in seiner Stille fast zu sehr gelobtes Erstlingsbuch vorgelegt hat, schreibt auch hier ohne sichtbare Anstrengung. Die Sätze sind kurz, aber selten kurz genug, daß ihre Kürze als Geste lesbar wird. Der Bericht ist chronologisch; das Buch zählt seine Kapitel nicht, es benennt sie nach den jeweils kopierten Stücken („Hauskleid mit Punktmuster”; „Dunkelblauer Wintermantel, Wollkrepp, Reverskragen”; „Sechs Taschentücher”).
Die Verfahrensweise des Romans erinnert, wie schon mehrere Rezensenten bei seinem Erscheinen vermerkt haben, an Heimrad Bäckers transcript — ohne daß Holm sich an die radikalere Geste seines Vorbildes anschließt. Bäcker setzt Dokument neben Dokument und überläßt es dem Leser, das Material zur Form zu rechnen. Holm hat einen Erzähler, der unauffällig, aber tätig ist; er ordnet, er datiert, er gewichtet. Die Behauptung, das Buch sei dokumentarisch, ist mithin falsch; die Behauptung, es sei psychologisch, ebenso. Es ist ein Verfahrensroman im strengen Sinne, mit einer einzigen Verfahrensregel: Kopie, dann Verbrennung.
Drei Aspekte sind dabei bemerkenswert. Erstens das Verhältnis von Ausführlichkeit und Auslassung — die Kopierarbeit wird in technischer Präzision beschrieben (es gibt einen Absatz, der nichts tut, als die Wahl der richtigen Nadelstärke für Schurwolle zu begründen), das Verbrennen der Originale dagegen nahezu ausgelassen: meist in einem einzigen Satz, manchmal in einem Nebensatz. Zweitens die strikte Vermeidung jeder Innensicht — Doris Kreschel wird nicht traurig, nicht entschlossen, nicht ruhig; sie ist tätig. Drittens, und dies ist das auffälligste, die völlige Abwesenheit symbolischer Lesehilfen. Holm verzichtet darauf, das Verfahren zu deuten. Es gibt keine Stelle, an der das Buch dem Leser zu verstehen gibt, was es bedeute, ein Kleidungsstück zu kopieren und das Original zu verbrennen.
III. Einwände
Der Roman übersteht zwei Drittel mit dieser Disziplin. Im dritten Drittel, mit dem Auftritt der Tochter — Beate Kreschel, neunundzwanzig, Lehrerin, lebt in Erfurt —, läßt Holm einen Witz herein, den das Buch nicht braucht. Die Tochter, die ihre Mutter in größeren Abständen besucht, bemerkt schließlich den fortwährenden Identitätsversuch der Garderobe und stellt Mutter und Maschine zur Rede. Doris Kreschel antwortet mit Sätzen, die das Verfahren erstmals kommentieren — und damit untergräbt das Buch genau die Konsequenz, die zwei Drittel lang seine Stärke war. Die Tochter ist als Figur unscharf gezeichnet (sie hat ein Sportabitur, sie raucht, sie redet zuviel — das ist nicht genug), und der Dialog zwischen Mutter und Tochter, in dem das Wort Flickenbeischlag zum ersten und einzigen Mal innerhalb der erzählten Welt fällt, wirkt wie eine Schlußformel, die der Autor sich selbst nicht zumutet.
Holm hätte das Buch ohne die Tochter beenden können. Doris Kreschel hätte ihre Bluse kopieren, die Originale ins Feuer geben und das Buch hätte enden können wie es begann — mit einem Satz über die Schweinfurter Straße im Mai. Daß Holm an dieser Stelle dem Verlangen nachgibt, sein Verfahren zu erklären, ist die einzige wirkliche Schwäche des Buches.
IV. Urteil
Der Flickenbeischlag ist ein gutes Buch, das sich an der eigenen Disziplin entlanghangelt und einmal abrutscht. Der Klappentext, den Marschall & Söhne in der hier zu beanstandenden Stillage seiner Erstauflage verfaßt hat, behauptet eine größere Reichweite — „ein Roman über Trauer, Identität und das Verschwinden der Frau aus der bundesdeutschen Familie” — und tut dem Buch damit keinen Gefallen; Holm beansprucht keines dieser drei Themen explizit, und seine größte Stärke ist es, daß er sie nicht beansprucht.
Wir empfehlen das Buch trotzdem. Es ist langsam zu lesen, was eine Zumutung ist; und es liest sich zweimal besser als einmal, was eine andere ist. Wer es im zweiten Drittel weglegen will, sollte das tun und nach drei Wochen wiederkommen. Die Tochter bleibt dann hinnehmbar.