Fall № 148 · Korrespondenz · 11 min · Korrespondenz
Immanuel Kant an Johann Caspar Lavater, 14. November 1784
Eine handschriftliche Notiz im Königsberger Universitätsarchiv verweist auf einen Brief Kants an Lavater unter diesem Datum, der in der Akademie-Ausgabe nicht enthalten ist. Die Redaktion legt den Text mit einer knappen editorischen Vorbemerkung vor.
Editorische Vorbemerkung
Der nachstehende Brief findet sich nicht im Briefwechsel der Akademie-Ausgabe (AA X–XIII). Eine handschriftliche Notiz Kants im Königsberger Universitätsarchiv (Signatur KA-B7 / 09, Bl. 14r) verweist unter dem Datum des 14. November 1784 auf einen Brief an den Pfarrer Johann Caspar Lavater in Zürich, dessen Text bisher als verschollen galt. Die Notiz lautet, in der Lesung von Erich Adickes (1898) unbeanstandet: „An H. Lavater, mit Dank für d. Brief v. 28. Sept., abschläg. wegen d. Bildnisses, m. Bedenken zu d. Physiognomik beigefügt.” Adickes hat den Brief in seinen Vorarbeiten zur Akademie-Ausgabe als „nicht vorliegend” geführt.
Die Redaktion verfügt seit dem Sommer 2024 über eine Abschrift, deren Provenienz im Archiv eines Züricher Privatsammlers, der namentlich nicht genannt sein will, gesichert ist. Eine handschriftliche Überprüfung steht aus. Wir geben den Text in modernisierter Orthographie, behalten aber die im Original durchgängig verwendete Großschreibung der Substantive und die Kant-typische Sperrung einzelner Begriffe bei. Drei Fußnoten der Redaktion erläutern Personen und Werke, die der Brief nennt.
Königsberg, den 14ten November 1784
Hochwürdiger Herr Pastor,
Ihr Schreiben vom 28ten September dieses Jahres ist mir am 19ten October zugekommen, durch Vermittlung des Herrn Magisters Hippel¹, der die Güte hatte, das Paket nebst dem Ihrigen aus der Bestellung am Schloßhof entgegenzunehmen und mir, da ich an jenem Tage von den Vorlesungen verspätet zurückkam, am Abend in meine Wohnung zu bringen. Ich habe es zwiefach gelesen, das eine Mal mit der Aufmerksamkeit, die einer Sendung von Ihrer Hand gebührt, das zweite Mal mit derjenigen, die der darin enthaltenen Bitte angemessen ist.
Sie ersuchen mich, Hochwürdiger Herr, mein Antlitz zum Zwecke einer physiognomischen Aufnahme durch den Maler Schmollinger² in Königsberg ausmessen und nachbilden zu lassen, auf daß es in die zu erwartende vierte, ergänzte Lieferung Ihrer Physiognomischen Fragmente aufgenommen werden möge. Sie versichern mir, daß die Vermessung schonsam und in zwei Sitzungen von je einer Stunde ausgeführt werden könne, und daß Sie selbst, sobald die Pflichten Ihres Amtes Ihnen den Abstand erlauben, die endliche Beurtheilung des Bildnisses übernehmen wollen. Sie fügen die freundliche Bemerkung hinzu, daß Sie keinem unter den lebenden Philosophen Deutschlands diese Bitte mit gleicher Dringlichkeit vortragen, weil keinem von ihnen die Vernunft mit so eigenthümlicher Gestalt sich ins Gesicht geschrieben habe.
Ich muß Ihnen die Bitte versagen, und ich bitte Sie, die Versagung als das anzunehmen, was sie ist: weder Stolz noch Bequemlichkeit, sondern eine Pflicht, deren Grund ich Ihnen, soweit die Frist eines Briefes es gestattet, kenntlich zu machen suche.
Es ist mir nicht entgangen, daß Ihre Physiognomik in ihren bisherigen drei Lieferungen, deren letzte ich mit dankbarer Aufmerksamkeit habe wiederholt durchgehen können, sich vom Vorwurf der Schwärmerei mit großem Ernst zu entfernen sucht. Sie verfahren induktiv, Sie häufen Beobachtungen, Sie versagen sich, wo die Sache es zu erfordern scheint, das vorschnelle Urtheil; Sie sind in diesem Bestreben nicht weniger gewissenhaft als irgend einer der Sammler der Naturgeschichte, die in unseren Jahrzehnten die Cabinette der Fürsten füllen. Ich habe daher mein Bedenken, das ich jetzt vorbringe, nicht gegen die Sorgfalt Ihres Verfahrens, sondern gegen seinen Begriff zu richten.
Ihre Wissenschaft setzt voraus, daß zwischen der sichtbaren Bildung eines menschlichen Antlitzes und der unsichtbaren Beschaffenheit des darunter waltenden Gemüths ein Verhältnis bestehe, welches der Art sei, daß aus der einen Seite auf die andere mit irgendeiner Sicherheit geschlossen werden könne. Wäre dies Verhältnis ein solches der durchgängigen Bestimmung — wie das Verhältnis der Schwere eines Körpers zu seiner Masse —, so wäre Ihre Wissenschaft eine Naturlehre, der die Würde der mathematischen Behandlung zukäme. Wäre es ein solches der bloßen Anzeige — wie das des Rauches zum Feuer —, so wäre sie eine Erfahrungswissenschaft, der man die ihr eigenthümliche, beschränkte Geltung mit gutem Gewissen einräumen müßte. Sie ist aber, wie mir scheint, weder das eine noch das andere; und ihre eigentliche Schwierigkeit liegt darin, daß Sie selbst, Hochwürdiger Herr, an manchen Stellen Ihres Werkes — und in den Tafeln noch öfter als im Text — zwischen den beiden Möglichkeiten unentschieden bleiben.
Zur Sache
Die Form eines Gesichts ist mir gegeben in der Anschauung; die Bestimmung eines Charakters ist mir nicht gegeben, sondern wird in einer Reihe von Handlungen, deren ich nur einen kleinen Theil zu Gesicht bekommen kann, allererst erkennbar. Wenn ich nun, geleitet durch Ihre Tafeln, in der Form auf die Bestimmung schließen will, so geschieht zwiefaches Bedenkliche. Erstlich: ich nehme als Maaßstab des Schlusses eine Sammlung von Beispielen, die ihre Geltung nicht aus einem Prinzip, sondern aus der Ähnlichkeit ihrer Mehrheit beziehen — eine Ähnlichkeit, die, wo sie nicht durch ein Gesetz gesichert ist, jederzeit auch eine zufällige sein kann. Zweitens: ich richte meine künftige Beurtheilung jenes Menschen, dessen Gesicht ich gesehen, im Voraus nach diesem Schluß ein und werde dadurch geneigt, in seinem Handeln das wiederzufinden, was ich aus seiner Stirn herausgelesen zu haben glaube. Ich übe also, ohne es bemerken zu müssen, eine Vorurtheilung aus, die das Geschäft der reinen praktischen Vernunft, welches die freie Beurtheilung der Maxime aus dem Handeln, nicht aus dem Antlitz fordert, zu hintergehen geeignet ist.
Das letztere ist es, was mich, mehr als alles übrige, an einer Theilnahme an Ihrem Werk hindert. Es will mir nicht annehmbar scheinen, daß einer, der über die Bedingungen einer sittlichen Welt nachdenkt, gleichzeitig dazu beitrage, daß die Mitlebenden ihre Brüder nach den Linien der Stirn zu lesen sich anschicken. Wir sind in einer Zeit, in welcher der Mensch die zwiefache Mühe auf sich zu nehmen hat, die Achtung vor der Person und die Kritik der Begriffe; und ich fürchte, daß die Physiognomik, indem sie auf die Person mit den Mitteln der Beschreibung von Sachen zugreift, die Achtung eher zerstreut, als sie befördert.
Ich gebe Ihnen indes zu, und ich bitte Sie, dies nicht zu überlesen: daß es eine natürliche und unausweichliche Geneigtheit des Menschen ist, aus dem Anblick eines anderen Menschen einen Eindruck zu nehmen, der seinen Erwartungen die Richtung gibt. Wir können nicht anders, und es wäre verwunderlich, wenn wir es könnten. Das praktische Geschäft des Verstandes besteht aber gerade darin, diese unausweichliche Geneigtheit nicht in eine Wissenschaft zu verwandeln. Eine Geneigtheit, die zur Lehrform erhoben wird, hört auf, eine Geneigtheit zu sein; sie wird zur Verfügung, und gegen Verfügungen über meine Mitmenschen habe ich, wo immer ich sie antreffe, mein Bedenken anzubringen.
Es ist Ihnen, Hochwürdiger Herr, aus den Briefen über die Physiognomik, die Herr Lichtenberg³ im Göttingischen Taschen-Calender vor einigen Jahren hat drucken lassen, ein Einwand bekannt, der dem meinigen verwandt, aber durch den Witz seines Verfassers in eine Schärfe gebracht ist, die mir weder zu Gebote noch zur Sache angemessen scheint. Ich nehme von dem dort gegen Sie gerichteten Spotte ausdrücklich Abstand und bitte Sie, die Trockenheit meines Einwurfs als das, was sie ist, anzunehmen.
Es bleibt mir, Sie der Hochachtung zu versichern, in welcher ich verharre, und Ihnen für die Sendung der dritten Lieferung, die mir eine genaue und ernsthafte Beschäftigung geworden ist, meinen Dank abzustatten. Daß ich Ihrer Bitte nicht entsprechen kann, möge dem Verhältnis, in welchem ich mich Ihnen verpflichtet weiß, keinen Eintrag thun.
Ich bin, Hochwürdiger Herr Pastor,
Ihr ergebenster Diener
I. Kant
¹ Theodor Gottlieb von Hippel d. Ä. (1741–1796), Königsberger Stadtpräsident, langjähriger Bekannter Kants und Verfasser des Romans Lebensläufe nach aufsteigender Linie. Die Bestellung am Schloßhof ist auch in anderen Briefen Kants als gelegentliche Praxis bezeugt.
² Andreas Schmollinger, Königsberger Bildnismaler und Kupferstecher, in den Jahren 1781 bis 1789 mehrfach in der Universitätsmatrikel als Stipendiat der Akademie genannt. Eine selbständige malerische Hinterlassenschaft ist nicht erhalten.
³ Georg Christoph Lichtenberg (1742–1799), Ueber Physiognomik; wider die Physiognomen, zuerst im Göttingischen Taschen-Calender 1778. Kant hat Lichtenbergs Schrift, wie aus dem Reflexionen-Konvolut Nr. 1486 hervorgeht, vor Abfassung des vorliegenden Briefes wiederholt zur Hand genommen.