Fall № 149 · Tableau · 2 min · Tableaux
Eine Frau am Fenster
Halle-Neustadt, achter Stock, ein kalt gewordener Kaffee. Auf dem Küchentisch liegt seit dem Morgen ein nicht geöffneter Brief mit einer Reimser Postfachadresse. Mehr ist nicht zu berichten.
Sie sitzt am Küchenfenster, achter Stock, Block 643. Vor ihr, auf der Resopalplatte des Tisches, eine Tasse mit Kaffee, in der sich an der Innenwand der bräunliche Rand abgesetzt hat, den nur kaltgewordener Kaffee zurückläßt. Die Tasse hat einen feinen Sprung am Henkel; sie ist seit dem Tod ihres Mannes nicht mehr in den Schrank gestellt worden, sondern steht morgens auf dem Tisch und abends auf dem Abtropfbrett, und morgens wieder auf dem Tisch.
Neben der Tasse liegt der Brief. Er ist gestern gekommen, mit der Post am Vormittag, sie hat ihn aus dem Briefkasten geholt, mit nach oben genommen, auf den Tisch gelegt. Die Anschrift ist mit der Hand geschrieben, in einer Schrift, die sie nicht kennt, blaue Tinte, eine etwas zu starke Feder. Der Absender ist ein Postfach in Reims, ohne Namen. Sie liest die Anschrift jetzt seit einer Stunde, mit Unterbrechungen, in denen sie zum Fenster sieht — auf die Gänge zwischen den Blöcken, auf den schmalen Streifen Pappel, auf den jenseitigen Block 644, in dem ein Fenster im sechsten Stock schon seit dem Frühjahr 2021 mit einem Stück Pappe zugeklebt ist.
Es ist zwanzig nach zehn. Die Sonne steht jetzt links an der Heizung. Sie nimmt den Brief, hält ihn einen Augenblick gegen das Fenster, ohne ihn zu öffnen, sieht durch das Papier nicht hindurch, legt ihn zurück, etwas weiter nach links, auf die Stelle, an der die Tischdecke einen alten dunklen Fleck hat, und steht nicht auf.