Bd. xiv · Heft № 2 / 2026 Fictio quasi vera ·
Unwahre Geschichten Periodical für erfundene Erzählungen — Bd. xiv —
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Fall № 146 · Gerücht · 7 min · Gerüchte

Die Dauerautobahn — zur Geschichte eines Wanderfahrers auf der A 45

Seit dem Sommer 1998 soll ein Bernhard Stehnke aus Iserlohn die Strecke Dortmund-Aschaffenburg in einem unveränderten Rhythmus befahren. Drei Sichtungen, ein Foto, eine ADAC-Notiz: die Redaktion legt die Quellenlage offen, ohne sie zu sortieren.

Die Dauerautobahn — zur Geschichte eines Wanderfahrers auf der A 45
Abb. — Beleg-Tafel zum Fall Fall № 146.

I. Vorgang

Bernhard Stehnke, geboren am 7. März 1957 in Iserlohn, gelernter Kraftfahrzeugmechaniker, ab 1981 als Fernfahrer bei einer Spedition in Werdohl beschäftigt, ist nach Auskunft seiner früheren Kollegen am 12. Juli 1998 zur Morgenschicht erschienen, hat seinen Sattelzug — einen Volvo FH12 mit dem Kennzeichen MK-KW 832 — übernommen, die Fracht (es soll sich um Stahlträger für eine Baustelle in Aschaffenburg gehandelt haben) verstaut und um 06:14 Uhr die Spedition verlassen. Er ist seither, nach demselben Quellenstand, nicht zurückgekehrt.

Die Behauptung, daß Bernhard Stehnke seit jenem Sommer ununterbrochen die Bundesautobahn 45 zwischen Dortmund-Süd und dem Autobahnkreuz Aschaffenburg-West befährt, ist nicht in einem Schritt entstanden. Sie ist aus mindestens vier voneinander unabhängigen Notizen zusammengesetzt, die der Redaktion in den letzten drei Jahren zugetragen worden sind und die wir in der gebotenen Trockenheit hier verzeichnen.

II. Quellenlage

Die erste Erwähnung findet sich in der Zeitschrift Trucker — Das Magazin für Fernfahrer, Heft 11/2007, S. 42, in einer Bildstrecke „Gesichter der A 45”. Eine schwarzweiße Aufnahme zeigt einen Mann in einem hellen Kurzarmhemd, etwa fünfzig Jahre alt, in der Fahrerkabine eines Volvo, der an einer Tankstelle zwischen Hagen und Lüdenscheid steht. Die Bildunterschrift, ohne Verfasser, lautet: „Bernhard S., Iserlohn, seit Jahren auf dieser Strecke.” Eine andere Bildstrecke desselben Heftes nennt die übrigen Abgebildeten mit vollem Namen; nur S. ist abgekürzt.

Die zweite Quelle ist eine Notiz im Lüdenscheider Lokalanzeiger vom 14. August 2012, in einer Lesernotizen-Rubrik unter der Überschrift „Immer derselbe Trucker”. Eine Anwohnerin der Auffahrt Lüdenscheid-Nord schreibt, sie sehe seit „mindestens zwölf Jahren” mehrmals wöchentlich denselben Volvo mit demselben Fahrer in die Autobahn einbiegen, „immer am Vormittag, immer in Richtung Süden, immer dasselbe Hemd, hell, kurze Ärmel, im Winter darüber eine grüne Weste”. Sie kenne den Namen des Fahrers nicht. Eine Antwort auf den Leserbrief ist nicht erschienen.

Die dritte Quelle ist ein zweiter, deutlich kürzerer Eintrag im selben Lokalblatt vom 22. Mai 2019. Ein Mitarbeiter einer Autobahn-Raststätte (er wird mit Vornamen „Andreas” eingeführt, sein Familienname ist im Druck unkenntlich gemacht) gibt an, an einem Wochenende des Vorjahres mit einem Mann am Tisch gesessen zu haben, der sich als Bernhard aus Iserlohn vorgestellt habe, „seit zwanzig Jahren unterwegs, immer dieselbe Strecke”. Der Mann sei in der Pause aufgestanden, habe bezahlt, sei zur Tankstelle zurückgegangen und mit seinem Lastzug weitergefahren.

Die vierte Quelle, die die Redaktion bisher nicht im Original einsehen konnte, ist eine Notiz im ADAC-Mitgliederbrief der Sektion Westfalen-Süd vom Mai 2021, S. 7, in einer Vermischtes-Spalte: „Stammgäste der A 45: Wer kennt Bernhard S.?”. Ein Leserbrief, der laut Spaltenkopf eine Woche zuvor eingegangen sein soll, beruft sich auf einen Hinweis aus dem Truckermagazin und bittet um weitere Sichtungsmeldungen. Sichtungsmeldungen sind in den folgenden Mitgliederbriefen nicht abgedruckt worden.

III. Versuch der Kontaktaufnahme

Die Redaktion hat im Februar 2024 versucht, Bernhard Stehnke über die Spedition in Werdohl, über das Einwohnermeldeamt Iserlohn und über die ADAC-Sektion Westfalen-Süd zu erreichen.

Die Spedition in Werdohl existiert nicht mehr; sie ist 2009 in eine größere Logistikgruppe übergegangen, die auf Anfrage mitteilte, daß Personalakten von Mitarbeitern, die vor 2002 ausgeschieden sind, nicht mehr vorgehalten werden. Das Einwohnermeldeamt Iserlohn bestätigte auf eine schriftliche Anfrage, daß ein Bernhard Stehnke, geboren 7. März 1957 dort seit August 1998 als „verzogen, unbekannt wohin” geführt wird; eine weitergehende Auskunft ist datenschutzrechtlich nicht möglich. Die ADAC-Sektion Westfalen-Süd antwortete, der Mitgliederbrief vom Mai 2021 sei nicht mehr im Bestand und die Verfasserin der Spalte sei pensioniert.

Eine Anfrage an die Volvo Truck Center GmbH zur Restlebensdauer eines unter Dauerbetrieb gehaltenen Volvo FH12 aus dem Modelljahr 1996 — die Redaktion war an einer plausibilitätsbezogenen Auskunft interessiert — ist freundlich, aber nicht inhaltlich beantwortet worden.

IV. Zwei Details

Zwei vermeintlich verifizierbare Angaben sind in den vorliegenden Quellen genannt und seien hier festgehalten.

Erstens: das Kennzeichen MK-KW 832, das im Truckermagazin 2007 in zwei der Bildstrecke benachbarten Aufnahmen erscheint, ist nach Auskunft der Zulassungsstelle Märkischer Kreis im Dezember 2003 abgemeldet worden. Der Wagen sei zu diesem Zeitpunkt auf einen anderen Halter als die Werdohler Spedition zugelassen gewesen.

Zweitens: die Rastanlage Sauerland-West, in der nach Aussage des Raststätten-Mitarbeiters die Begegnung von 2018 stattgefunden hat, hat im Sommer 2017 ihren Speisesaal grundsaniert und die Tische ausgetauscht. Der Mitarbeiter beschreibt allerdings einen langen, dunkel furnierten Holztisch am Fenster mit Blick zur Tankstelle. Tische dieser Art sind in der Anlage seit der Sanierung nicht mehr in Gebrauch.

V. Anmerkung

Daß ein Volvo FH12 aus dem Jahr 1996 bei dem hier behaupteten Fahrbetrieb — etwa achthundert Kilometer am Tag, zweiundzwanzig Tage im Monat — die Laufleistung erreicht hätte, die Bernhard Stehnke zugeschrieben werden müßte, ist technisch unwahrscheinlich. Daß ein Fahrer mit einer Pause zwischen 23:00 und 04:30 Uhr in einem Rhythmus, der die Lenkzeitvorgaben der EU-Verordnung 561/2006 systematisch unterschreitet, über sechsundzwanzig Jahre unbehelligt geblieben wäre, ist rechtlich unmöglich. Diese beiden Einwände stehen für sich.

Wir veröffentlichen den Vorgang, weil das Schweigen seiner Existenz das einzige ist, was er hinterläßt.


Fußnote. Eine knappe und in der Sache eigentümliche Bemerkung zu einer Figur dieser Art findet sich bei Wolf Wondratschek, Drei Tage in der Mitte (Carl Hanser, München 2003), S. 117: „Es gibt Leben, die nicht aufgeben werden, weil sie nicht gesucht werden.” Wondratschek bezieht sich, soweit erkennbar, auf einen anderen Fall.


Sektion: Gerüchte §

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