Bd. xiv · Heft № 2 / 2026 Fictio quasi vera ·
Unwahre Geschichten Periodical für erfundene Erzählungen — Bd. xiv —
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Fall № 144 · Erzählung · 8 min · Erzählungen

Die Bibliothek von Przemyśl

Im Keller einer früheren k. u. k. Festungsanlage an der polnisch-ukrainischen Grenze unterhält ein Herr Łysenko eine Bibliothek, die ausschließlich Bücher mit Titeln auf Ł sammelt. Die Redaktion hat den Bestand besucht und kehrt mit einem Vorfall vom November 2019 zurück.

Die Bibliothek von Przemyśl
Abb. — Beleg-Tafel zum Fall Fall № 144.

I.

Die Bibliothek befindet sich in der Ulica Grodzka 23, im Keller eines Hauses, das auf den Resten des äußeren Werks VII der Festung Przemyśl ruht. Der Bau aus den 1880er Jahren ist auf den Stadtkarten nicht eigens verzeichnet. Wer die Bibliothek aufsuchen will, läuft vom Marktplatz zwölf Minuten nach Süden, biegt an einer wenig frequentierten Eisdiele rechts ab und steht dann vor einer Tür, an der nichts steht außer einer kleinen, schief geklebten Notiz mit den Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag, 10 bis 16 Uhr; im Winter bis 15 Uhr.

II.

Der Bestand umfaßt, nach der letzten der Redaktion vorliegenden Zählung vom April 2024, eintausendsechshundertelf Bände. Alle Bücher der Bibliothek, ohne Ausnahme, tragen einen Titel, der mit dem Buchstaben Ł beginnt. Die Sammlung versteht sich nicht als alphabetisch geordnetes Fragment, sondern als geschlossener Bestand: ein vollständiges Inventar dessen, was unter dieser einen Initialen je veröffentlicht wurde oder mutmaßlich existiert.

Es finden sich darunter Werke aus dem Polnischen (etwa Łęgowskis Łowieckie szkice z Podola, Lemberg 1898), Sammelausgaben kleinerer ukrainischer Lyrik, eine ungewöhnlich vollständige Reihe slowakischer Erzählungen mit dem Familiennamen Łuková auf dem Deckel, und, in einem niedrigen Glasschrank an der Stirnseite des Raums, sechsundzwanzig handgebundene Hefte ohne Verlagsangabe, deren Titel sämtlich mit „Łaska” beginnen — Gnade — und die der Bibliothekar nicht herausgibt, sondern auf Verlangen aus der Ferne zeigt.

III.

Der Bibliothekar heißt Łysenko. Sein Vorname wird in der Eintragsliste der Stadtverwaltung mit Bohdan geführt; in der Bibliothek selbst ist sein Vorname keine Information, die je gegeben wird. Er ist Mitte sechzig, trägt im Sommer wie im Winter einen schiefergrauen Pullover und eine Brille mit ovalen Gläsern, deren rechtes leicht zerkratzt ist. Er spricht polnisch, ukrainisch und ein dreisilbiges Deutsch, das er mit Vorsicht und Höflichkeit gebraucht.

Łysenko führt die Bibliothek allein. Er erlaubt Besuchern, eine Stunde am Stück im Lesesaal — eigentlich ein Raum mit vier Tischen, ein Heizkörper, eine Hängelampe — zu verbleiben. Wer länger bleiben will, darf nach einer Pause von zwanzig Minuten, die er auf der Treppe zur Straße verbringt, wiederkommen. Der Katalog wird auf Karteikarten geführt, in einem hölzernen Schrank aus den späten 1950er Jahren, dessen Karten Łysenko zweimal jährlich mit einer kleinen mechanischen Schreibmaschine ergänzt.

IV.

Die Besucher der Bibliothek kommen aus Krakau, aus Lwiw, aus Bratislava; gelegentlich aus Wien, häufig aus dem Norden Italiens, dreimal im Jahr aus Kopenhagen. Daß sie in keinem Reiseführer steht, hindert ihre Frequentierung nicht. Die Redaktion hat bei ihrem zweiten Besuch im Mai 2023 dort einen pensionierten Übersetzer aus Den Haag getroffen, der angab, seit 1997 alle zwei Jahre für drei Tage nach Przemyśl zu fahren und nie an einem anderen Ort der Stadt zu übernachten als im Hotel Gromada gegenüber dem Bahnhof.

V.

Am 14. November 2019 erschien ein britischer Slawist, etwa Anfang fünfzig, mit einer Tasche aus braunem Leder und einem Notizbuch der Marke Leuchtturm. Er suchte einen Titel, der nach seiner Aussage im veröffentlichten Verzeichnis der Bibliothek — die Bibliothek gibt einmal im Jahr ein gedrucktes Verzeichnis heraus, in einer Auflage, die Łysenko nicht bekanntgibt — unter der Signatur Ł / 1109 / 14 geführt war: Łopatów: Krótka rozprawa o przedmiotach, których nie ma, ohne Verfasser, ohne Jahresangabe.

Der Slawist verbrachte den 14., den 15. und den 16. November in der Bibliothek. Łysenko führte ihn am ersten Tag durch die Reihen der Magazinschränke entlang des Hauptganges, am zweiten Tag durch das hintere Magazin, am dritten Tag durch den Glasschrank mit den Łaska-Heften. Der Eintrag im Katalog war vorhanden; auf der Karte standen Signatur, Titel, ein Vermerk „o. J., o. Verlag” und eine Bleistift-Notiz, die Łysenko nicht entzifferte oder nicht entziffern wollte. Das Buch war nicht da. Łysenko äußerte keine Vermutung. Er bot dem Slawisten, am Ende des dritten Tages, einen Tee an und sagte: Manchmal sind Eintragungen länger geblieben als Bücher.

Der Slawist verließ Przemyśl am Morgen des 17. November. Er kam nicht wieder. Sein Notizbuch, das er auf dem Tisch des Lesesaals zurückgelassen hatte, ist seither in der Bibliothek geblieben; Łysenko verwahrt es im untersten Fach des Katalogschranks, gemeinsam mit einer Postkarte aus Brügge, die einmal vor einigen Jahren ohne Absender eintraf.

VI.

Die Bibliothek ist heute, im Frühjahr 2026, geöffnet. Łysenko hat keine Nachfolge benannt. Auf die Frage der Redaktion, was mit dem Bestand geschehe, wenn er einmal nicht mehr da sei, hat er die Brille abgenommen, kurz gegen den Pullover gewischt, und gesagt: Bücher mit Ł gibt es genug. Es wird sich jemand finden.

Wir haben weiter nichts gefragt.


Sektion: Erzählungen §

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